"Das ist ein riesengroßer Zwiespalt!"

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  • "Das ist ein riesengroßer Zwiespalt!"

    Gerald Stockenhuber ist nach dem Rücktritt von Hans Rinner der neue Präsident des SK Sturm.

    Der Führungsriege des Grazer Traditionsvereins gehörte der 48-Jährige schon in den letzten Jahren an.

    Ins mediale Rampenlicht drängte er dabei nie. Und ein Sonnenkönig, wie ihn Sturm schon an der Vereinsspitze erlebt hat, wird aus ihm wohl auch in Zukunft keiner werden.

    „Ich werde den Verein nicht personifizieren“, lautet eines der zentralen Versprechen des neuen Bosses, Teamwork soll im Vordergrund stehen.

    Im LAOLA1-Interview spricht Stockenhuber über seine Anfänge als Sturm-Knofel und seine Vorhaben mit dem amtierenden Cupsieger.

    LAOLA1: Wie war der erste Arbeitstag als Präsident des SK Sturm?

    Gerald Stockenhuber: Mein erster Tag war der Tag des Abschieds von Hans Rinner, den er bei seiner Pressekonferenz kund getan hat. Also war es einmal der wichtigere Tag für Herrn Rinner. Sturm ist ja nichts Neues für mich. Ich arbeite aktiv seit dreieinhalb Jahren bei Sturm. Aber es kommen doch sehr viele Anrufe, sehr viel Fragen und sehr viele Wünsche. Aber das ist nichts Schlimmes, das sehe ich positiv.

    LAOLA1: Gehen wir zurück zu den Anfängen: Wie sind Sie eigentlich Sturm-Knofel geworden?

    Stockenhuber: Wie beinahe jeder zu Sturm kommt: Im Volksschulalter, als ich erstmals den Sturm-Platz besucht habe. Das waren damals große Highlights, wenn man hie und da auf den Fußballplatz gegangen ist. Mit 13, 14 Jahren, als man schon alleine in die Gruabn durfte, hat man den Verein schon regelmäßiger begleitet. Wenn wir einen Schritt vorwärts machen, bin ich in der erfolgreichen Champions-League-Zeit intensiver mit Sturm zusammen gewachsen. Damals hat mich Hans Fedl zum Verein gebracht, und ich habe das Umfeld und die Leute besser kennen gelernt. Dann kam Sturm-Neu unter Hans Rinner, den ich auch schon seit zehn Jahren kenne. Da habe ich in der Rettungsgruppe mitgearbeitet. So hat es sich entwickelt, dass ich mehr und mehr in den Verein gekommen bin.

    LAOLA1: Wenn Sie zwei, drei Spieler, die für Sturm stehen, nennen müssten, wen würden Sie wählen?

    Stockenhuber: Ich gehe auf die Schnelle mal zu den ganz früheren Spielern: Einer der beeindruckendsten damals war sicher Gernot Jurtin, dann natürlich Bozo Bakota, und auch Refik Muftic, das war eine Persönlichkeit, die auch einmal einen Spaß gemacht hat.

    LAOLA1: Zur Gegenwart: Welche Ziele setzen Sie sich für Ihre Amtszeit?

    Stockenhuber: Die Zieldefinition ist ja schon gegeben, die haben wir im Vorstand gemeinsam definiert. Da muss man keine neuen Ziele setzen. Es wird sich nichts Großartiges verändern, es wird in dieser Form weitergehen. Wir waren in den letzten drei Jahren sehr erfolgreich und hoffen, dass wir auch in der nächsten Saison dementsprechend weiterspielen. Unser definiertes Ziel ist, im Rahmen unserer Möglichkeiten international zu spielen.

    LAOLA1: Man kann den Eindruck haben, dass bei Sturm in den letzten Jahren ein Zwiespalt entstanden ist: Ausbildungsverein auf der einen Seite, auf der anderen Seite würde man gerne in die Phalanx der großen Drei eindringen. Sehen Sie das auch so?

    Stockenhuber: Das ist ein riesengroßer Zwiespalt! Ist man ein Ausbildungsverein und spielt mit Jungen, wird man nicht international mitspielen – so realistisch muss man sein. Das ist genau der große Zwiespalt, den wir haben. Versuche ich „unfertige“ Spieler zu integrieren, werde ich in der jeweiligen Saison nicht ganz so erfolgreich sein, dafür werde ich irgendwann einmal einen erfolgreichen Spieler daraus machen. Das ist ein Kompromiss, den man suchen muss, der aber ganz schwierig ist.

    LAOLA1: Wie kann die Lösung ausschauen? In den letzten Jahren hat es ja gut funktioniert, Spieler wie Jantscher oder Beichler einzubauen. Trotzdem ist eine gewisse Ungeduld, was den sportlichen Erfolg betrifft, zu spüren.

    Stockenhuber: Dazu muss man sagen: Beichler und Jantscher sind mit der Mannschaft unter der Schirmherrschaft von Franco Foda mitgewachsen. Das gilt auch für Prödl oder Leitgeb, um die Erfolgreichsten unserer Jungen zu nennen. Jantscher, Beichler, Prödl, Leitgeb - das zaubert man nicht jedes Jahr raus. Wir haben ohnehin ein gutes Händchen bewiesen, dass wir solche Spieler herausgebracht haben. Jetzt müssen wir schauen, dass es beim einen oder anderen Spieler wiederum gelingt.

    LAOLA1: Zusammenfassend heißt das: Ausbildungsverein ja, die Jugend ist weiter wichtig, aber es bleibt nicht aus, dass man am Transfermarkt fertige Spieler holt?

    Stockenhuber: Genau. Ansonsten würden wir meiner Meinung nach nicht oben mitspielen. Den richtigen Mix zu finden, ist die Aufgabe der sportlichen Leitung. Der Vorstand hat natürlich auch gewisse Vorstellungen: Sicherlich wollen wir junge Spieler produzieren, aber da müssen wir mit dem Trainer zusammen den richtigen Kompromiss finden. Denn eines muss man klarstellen: Allein verantwortlich für den sportlichen Erfolg ist der Trainer. Da kann man sich nicht einmischen von wegen: Lass den oder den spielen. Wir sind mit Franco Foda und Oliver Kreuzer im sportlichen Bereich bestens aufgestellt und freuen uns, dass wir mit den beiden gemeinsam in die neue Saison gehen können!

    LAOLA1: Kommen wir zu Ihrem Führungsstil. Sturm hat zuletzt mit Hannes Kartnig und Hans Rinner konträre Präsidententypen erlebt. Wo reihen Sie sich von der Art her ein?

    Stockenhuber: Ich werde den Verein nicht personifizieren. Wir haben sehr gute Mitarbeiter. Warum soll man mit mir die sportlichen Belange diskutieren, wenn das mit den Herren Kreuzer und Foda hundert Mal besser geht? Warum soll man mit mir über Marketing diskutieren, wenn das der Bereich von Frau Hambrusch ist? Ich werde zwar drüber schauen, aber ich setze auf meine Mitarbeiter, und ich setze auch auf den Vorstand, der ja in den letzten Jahren auch schon aktiv mitgearbeitet hat. Da werden teilweise auch andere Leute in den Vordergrund rücken. Ein Herr Jauk erledigt die Finanzen perfekt, ein Herr Niederl kümmert sich perfekt um das Rundherum wie zum Beispiel das Stadion. Diese Leute sollen ihre Themen auch nach außen hin kommunizieren. Das muss nicht immer der Präsident präsentieren.

    LAOLA1: In Wirtschaftsunternehmen lastet die Verantwortung für gewöhnlich auf mehreren Schultern. Ist es zum Beispiel denkbar, ein AG-Modell wie jenes der Austria zu installieren?

    Stockenhuber: Es ist schon darüber diskutiert worden. Es ist sicher eine Variante, über die man ernsthaft nachdenken sollte, und das tun wir auch. Aber Konkretes gibt es da noch nicht.

    LAOLA1: Rinner hat sinngemäß gesagt, dass die Gundlagen stehen und es nun an die Feinheiten geht...

    Stockenhuber: Bei Unternehmen und auch bei Vereinen muss man permanent sensibel sein und Strukturen feintunen – einmal da ein bisschen etwas ändern, einmal da etwas verbessern, dieses und jenes hinterfragen: Forming, norming, storming, reforming – ein ganz normaler Prozess. In einem Verein muss man wie in jedem Unternehmen die Augen offen haben, dass man nicht betriebsblind wird. Aber das Grundgerüst steht.

    LAOLA1: Dennoch kann man sagen, dass nach dem Konkurs die sportliche Entwicklung unglaublich schnell gegangen ist, und die Infrastruktur des Vereins bei diesem Tempo nicht mitgekommen ist, oder?

    Stockenhuber: Ja. Aber sind wir ganz ehrlich: Die erste Priorität setzt man einmal auf die Mannschaft. Das ist einfach so. Mit dem neuen Trainingszentrum haben wir ein paar Sachen zusammenlegen können. Immer wenn man umsiedelt, schaut man sich die Prozesse anders an und überdenkt die Abläufe. Da tun wir uns in Messendorf schon ein bisschen leichter. Da gibt es schon einige Möglichkeiten, wo wir in Zukunft noch ein bisschen effizienter werden können – was aber nicht heißt, dass wir in den letzten Jahren ineffizient waren.

    LAOLA1: Beim Cup-Sieg hat man gespürt, wie groß die Sehnsucht der Fans nach einem Titel war. Versprechen kann man dies vermutlich nicht, aber der Wunsch, solche Anlässe regelmäßiger zu feiern, ist bestimmt vorhanden, oder?

    Stockenhuber: Einen Cup-Sieg anzusagen, das geht nicht. Aber das ist ein wunderbarer Titel. Ich glaube, für die Leute ist es beinahe schöner, wenn du Cupsieger bist als wenn du international spielst. Wobei es ein riesengroßer Erfolg wäre, wenn wir wieder in die Gruppenphase kommen würden. Aber dieser Titel war etwas Wunderbares, und es war schon lange, lange notwendig, wieder einmal einen Titel nach Graz zu holen.

    Das Gespräch führte Peter Altmann


    Quelle: LAOLA1.at